02.08.2017

Der Auftritt der Woche

Wie der GeneralsekretÀr der Handwerker im ZDF-Morgenmagazin den Kampf um die Azubis verliert.

Dem deutschen Handwerk fehlt vor allem eins: Der Nachwuchs. Die Auszubildenden! 30.000 Stellen sind noch frei. Nur wenige Wochen bevor das Ausbildungsjahr beginnt. Also geht einer der oberste deutschen Handwerker, Holger Schwannecke, doch sicher gerne und rhetorisch bestens vorbereitet in das Morgenmagazin des ZDF, um dort in einem Interview fĂŒr das Handwerk als Arbeitgeber zu werben.

Und der gute Mann hat noch GlĂŒck. Er muss nicht in der ersten Stunde auftreten, irgendwann zwischen 5:30 Uhr und 6:30 Uhr, wenn sowieso kaum einer zuschaut. Er darf kurz vor 9 Uhr ran. Seine Zielgruppe, die noch arbeitssuchenden Jugendlichen, könnten also schon wach sein und vor dem Fernseher sitzen.

Also, die Devise ist klar: Jetzt muss er alles dafĂŒr tun, damit die potentiellen Azubis das Handwerk irgendwie geil finden.

Da hĂ€tte er sicher einiges zu erzĂ€hlen. Spannende Geschichten von der Basis. Beispiele, wie selbst aus weniger guten SchĂŒlern herausragende Azubis werden. Wie sich die Handwerksmeister vor Ort engagiert und liebevoll um ihren Nachwuchs kĂŒmmern. Wie man sich der jungen Menschen annimmt, selbst wenn sie nicht die besten Noten haben, und sie bis zur PrĂŒfung fĂŒhrt. Wie schnell man im Handwerk erste eigene Werke vorlegen kann und richtig stolz auf sich sein kann. Wie sich oft zeigt, dass gute Noten gar nicht entscheiden sind um ein guter Handwerkslehrling zu sein. Wie auch die ganz Fleißigen selbst Meister werden können – und vielleicht sogar mehr verdienen als so mancher Akademiker, der auf der mittleren FĂŒhrungsebene hĂ€ngen bleibt.

Ach, es gebe so viele Geschichten, die den Jugendlichen eine Perspektive böten und ihnen das Wasser im Munde zusammen laufen lassen wĂŒrden. Allein, all diese Geschichten erzĂ€hlt der Mann nicht.

Vielleicht liegts an dem Titel des Herrn. Er ist der ‚GeneralsekretĂ€r des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks‘. Boah, das klingt genau so, wie es sich anhört. Sein Titel scheint seine innere Haltung zu manifestieren. Er spricht genau so, wie sein Titel klingt. Bringen wir seine Aussagen auf den Punkt: Er spricht ĂŒber – Zitate: AusbildungslĂŒcke, Schulverbleib, Studierneigung, Berufsbildungsoffensive, demographischen Trend und den Hochschulpakt! Wir ahnen es, das reißt keinen Azubi vom Hocker.

Lauter Substantive. Keine Geschichten. Keine Emotionen. Keine Begeisterung. Und dann erzĂ€hlt er stĂ€ndig noch von ‚wir‘, wie zum Beispiel sein Verband schon seit acht Jahren mit einer Imagekampagne um Auszubildende wird. Seit 8 Jahren! Und es sind noch immer 30.000 Stellen frei. Damit dokumentiert er im Fernsehen doch nur, wie erfolglos seine eigene Imagekampagne ist.

Was er sich dringend merken muss: Es geht nicht um das ‚wir‘. Es geht in diesem Interview nicht um seinen Verband und schon gar nicht um ihn. Es geht in diesem Interview nur um seine Mitglieder – und um die jungen Menschen, die einen Job suchen und die das Handwerk dringend braucht. Die er mit diesem Interview wachrĂŒtteln könnte. Sein strategisches Ziel hĂ€tte sein mĂŒssen, in diesem Interview kein einziges Mal das Wort ‚wir‘ zu verwenden.

Die Azubis bekommt man nicht mit ‚wir‘ und nicht mit Substantiven. Und schon gar nicht mit der Bilanz einer offenbar erfolglosen Imagekampagne. Und erst recht nicht mit einem Appell an die Politik. Die bekommt man nur, indem man ihnen die Geschichten erzĂ€hlt, die sie begeistern.

Nun wird der Herr Schwannecke mir antworten: Aber danach hat man mich doch gar nicht gefragt! Ich sage ihm: Egal! Wenn Du die Chance hast auf ein vierminĂŒtiges Live-Interview im Morgenmagazin und Deiner Branche brennt dermaßen der Kittel, weil der Nachwuchs zu Zehntausenden fehlt, dann ist dieses Interview die Chance, DEINE Geschichte zu erzĂ€hlen! Wie das geht, das kann man lernen. Ich hĂ€tte da einen Tipp!

Wenn dem deutschen Handwerk im Herbst also wieder Zehntausende Auszubildende fehlen, dann ist das sicher nicht die Schuld von Herrn Schwannecke. Aber wenn ein paar der potentiellen Kandidaten das Morgenmagazin gesehen haben und sich nun nicht bewerben, weil sie das Handwerk immer noch total langweilig finden, dann hat er das schon zu verantworten.

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