18.05.2020

Ein Fernsehstudio ist kein Vorstandscasino

Und wie Joe Kaeser dennoch gerade so die Kurve kriegt.

Der Siemens-CEO Joe KĂ€ser ist das, zumindest in Bezug auf Interviews, was man in Bayern wohl ‚a Hund‘ nennt. Kurzum: Gewieft. Strategisch. Taktisch. Klug. Und: Damit Erfolgreich. Unvergessenes bis heute sein Interview zur Krim-Krise, in dem er Claus Kleber elegant aufs Abstellgleis fĂŒhrt und rhetorisch verhungern lĂ€sst.

In meinem Medientrainings werde ich ja immer gefragt: „Genau das will ich auch! Rhetorische Tricks.“ Da muss ich den Klienten sagen: Tricks alleine helfen gar nicht. Hinter Rhetorik steckt vor allem eine Haltung. Man muss auch was zu sagen haben. Und erst dann kann man sich seine PrĂ€senz mit den Mitteln der Rhetorik erarbeiten. „Joe“ kann das.

Und dennoch ist er in einer ARD-extra-Sendung gescheitert. Er hatte einen FĂŒnf-Punkte-Plan fĂŒr den Weg von Wirtschaft und Gesellschaft raus aus der Krise aufgestellt. Und es ist ihm nicht gelungen, diesen in dem Interview mit der ARD-Journalistin Ellen Ehni zu schildern. Den Plan hat KĂ€ser dann auf seinem LinkedIn-Account nachgeliefert. Und zugleich beklagt, dass ihm ein Interview ĂŒber zehn Minuten versprochen worden sei.

Das ist der erste Fehler. Eine Sendung, die nur knapp 10 Minuten dauert, die kann niemals ein Interview von 10 Minuten anbieten. Erstes Learning: Recherchiere Dein Interview-Umfeld. Schau Dir die Sendung an. Die Arbeitsweise der Redaktion und des Moderators. Und dann ist schnell klar: Die möglicherweise versprochenen zehn Minuten sind am Ende höchstens drei.

Und dann kommt Schritt 2: Dann sind fĂŒnf Punkte auch zu viel. Die passen nicht in das Format. Jetzt mag man sich beklagen, dass das Fernsehen so oberflĂ€chlich sei. Meinetwegen. Dann muss man ja nicht hingehen. Oder man passt sich den Bedingungen an.

Und arbeitet dann mit dem rhetorischen Finale – Schritt 3! Das ist die hohe Kunst des Interviews. Seine Botschaften so zu positionieren, dass sie dennoch in die drei Minuten passen. Das sind dann meinetwegen die berĂŒhmten rhetorischen ‚Tricks‘. Auch wenn ich mit dem Begriff nicht arbeite.

Das ist dem sonst so rhetorischen Top-Performer Kaeser hier nicht gelungen. Ein Fernsehinterview ist eben nicht das Vorstands-Casino, in dem der Chef den Ton fĂŒhrt. Sondern die deutlich unter Zeitdruck stehende Journalistin. Und am Ende haben beide eine gemeinsame Chance verschenkt: Die Chance, auf ein wirklich herausragendes Interview. Das hĂ€tte nicht nur dem CEO zum Ruhm, sondern auch der Journalistin zur Ehre gereicht.

Letztlich hat Joe Kaeser noch die Kurve gekriegt: Mit dem mutigen Satz: „Einen Punkt habe ich noch…“ hat er das Studio dann doch noch zum Vorstandscasino gemacht, die Journalistin als Service-Kraft in die Ecke gestellt und sein Programm vorgetragen. Es war aber mĂŒhevoll und nicht wirklich rund. Das geht besser. Das kann man lernen.

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